Kolumne

Felicità

Mein Auto ist kaputt. Es befindet sich in der Werkstatt, doch es ist noch nicht klar, ob wir uns wiedersehen.
Ich mag mein Auto, wir haben uns nach kurzer Zeit sogar geduzt. Das hat nicht mit allen meinen Autos geklappt. Oft stand eine unüberwindbare Distanz zwischen mir und dem Fahrzeug. Warum auch immer. Namen gebe ich den Autos nie, aber eine gewisse, fast zwischenmenschliche Beziehung kann ich nicht abstreiten.
Desto schlimmer ist für mich jetzt der plötzliche Getriebemechantronikschaden. Autsch. Schon das Wort. Auf einmal, ohne irgendwelche Ankündigung war er da, oder besser war er nicht mehr da: der richtige Gang. Jetzt war ich nicht nur innerhalb des Autos im Leerlauf, sondern auch außerhalb: Seit 14 Tagen ohne KFZ. Was das hier auf dem Land bedeutet, kann sich wohl jeder vorstellen. (Ich durfte übrigens an der Mobilitätsabfrage der Stadt teilnehmen, kam mir gerade richtig. Mal sehen, ob meine Wünsche in punkto Buslinien umgesetzt werden und ob ich den dann auch nutze).

Glücklicherweise kann ich den Wagen meiner Mutter nutzen. Einen altersgerechten Golf Plus, Automatik. Ja, und silber ist er auch. Er ist zuverlässig, treu und bietet aufgrund der vorhandenen Sitzheizung den gewünschten Komfort. Aber mal ganz ehrlich. Ein Golf Plus… Ich wusste ja nicht, was mich erwartet. Mir selber machen Autos dieser Kategorie im Straßenverkehr immer etwas schlechte Laune. Am besten noch mit einem Nummernschild auf dem das passende und weit entfernte Geburtsjahr des Fahrers zu lesen ist. Und die Farbe. Schon an der äußeren Lackierung lässt sich die Spontanität und Spritzigkeit des Fahrers erkennen. Brauntöne oder halt Silber. Puh.

Sehr glücklich einen fahrbaren Untersatz zu haben, starte ich also durch Richtung Arbeitsplatz. Kaum den Ort verlassen, stelle ich fest, dass es in diesem Auto nur einen, maximal zwei Radiosender einzustellen gibt. Entweder WDR 4 oder NDR 1. Na gut, nicht mein Auto, nicht mein Wunschkonzert. Somit starte ich mit ABBA irgendwie doch gutgelaunt in den Tag. Erschreckend textsicher fahre ich so um kurz vor sieben durch Höxter und mit Cat Stevens: Morning has broken“ erscheint die rote Ampel vor mir nur halb so schlimm.

Nein ehrlich, ich bin viel entspannter, auch, weil mir aufgrund des Autos (glaube ich jedenfalls) der nötige Respekt bzw. Abstand gewährt wird. Es fährt keiner zu nah auf, keiner drängelt und ich werde als Linksabbieger sogar vorgelassen. Freundlich nickend. Ich werde häufig überholt, aber das stört mich nicht. Bei 36 Grad Innentemperatur sitze ich mollig warm in einem Wagen, der die 100km/h-Grenze noch nie überschritten hat, und der diesen Geschwindigkeitsrausch definitiv nicht braucht. Denn auch der rasante Überholvorgang mehrerer Autos lässt uns anschließend gemeinsam an der nächsten Ampel stehen. HA. Ich überlege, ob ich den Eiligen freundlich zuwinke und mit einem „Siehst‘e Blick“ mitteile, was die Raserei gebracht hat: nämlich nix. „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen“, oh wie passend.
Die Strecke zur Arbeit entwickelt sich für mich nicht zur üblen Zeitverschwendung, sondern zur entspannten Überfahrt. Mein Fuß wippt im Takt, die Finger klopfen taktvoll auf das Lenkrad. Roland Kaiser singt für mich: Extreme. Endlich mal Texte mit Sinn. Weiter geht’s. Laut schmettere ich noch „Schuld war nur der Bossa Nova“… und zuckele schön mit knapp 70 km/h ganz weit rechts über die Landstraße, fehlt nur noch ein passendes Getränk. Can‘t help falling in love with you, Elvis. Das war‘s: Ich steige hier nicht mehr aus. Wenn hier sogar der King für mich singt. Leeeuuuuteee.
Oh, ich merke schon, aus dieser Autonummer werde ich immer verspätet, verträumter und auf alle Fälle musikalischer herausgehen.

Kurz irritiert bin ich dann doch an der Kreuzung von der Frau neben mir. In einem knallroten Cabrio mit ihren mindestens achtzig Jahren sitzt die Dame, ein Leoparden gemustertes Tuch über das schlohweiße Haar gebunden, in einem wirklich schicken Sportwagen. Sie lächelt mich freundlich an, wohl wissend, dass wir beide irgendwie im falschen Auto sitzen. Optisch jedenfalls. Allerdings mit dem gleichen Radiosender. Ne ne, Elvis gehört mir. Neidisch biege ich ab. Wenn ich mal alt bin, kaufe ich mir auch so ein Auto. Und wehe, es lacht mich einer aus.
Ein weiterer Vorteil des Wagens ist es, auf zwei Parkplätzen zu parken. Richtig schön mitten drauf. Kein Platz mehr für Nachbarn, die mir den Lack zerkratzen könnten. Ich sehe zwar ein paar Kopfschüttler, aber das interessiert mich nicht. Das Gefühl von Entspannung und Ausgeglichenheit macht mir hier und heute keiner mehr kaputt. Hier steh‘ ich, also park ich. Mit einem Gefühl der Überlegenheit steige ich aus. Rückenschonend versteht sich. Ich freu mich schon auf den Rückweg. Gar nicht so schlimm, dass Sportlichkeit und Pferdestärke fehlen. Im Gegenteil, ich denke ernsthaft über einen Wagen in der Rentner-Kategorie nach. Vielleicht nicht in Silber. Vielleicht auch kein Golf. Hauptsache zuverlässig.

Ich summe noch das letzte Lied aus dem Radio „Felicità“ von Al Bano und Romina Power. Herrlich. Das wäre doch ein toller Name für ein Auto.

Eure KK                                                                                                                                                    02.10.2020

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28.08.2020: Ratlos

Warum merke ich zu spät, dass das Toilettenpapier leer ist?
Warum ist jede Ampel rot, wenn ich dringend „muss“?
Warum sind Schokolade und Chips ungesund?
Warum ist die Nacht von Sonntag auf Montag kürzer als alle anderen?
Warum muss ich am heißesten Tag des Jahres lange arbeiten?
Warum schmeckt es bei Muttern besser?
Warum steht schmutziges Geschirr auf der Spülmaschine, nicht in ihr?
Warum geht die Waschmaschine kaputt und im Anschluss die Spülmaschine?
Warum bezahlt die Frau vor mir passend, obwohl sie das Geld nicht passend hat?
Warum kaufe ich einen Pullover, wenn ich eine Hose suche?
Warum gibt es keinen Mett-Automaten?
Warum hat man am Freitagabend Zahnschmerzen?
Warum gewinne ich nicht im Lotto?
Warum verletzen sich Kinder immer am Mittwochnachmittag?
Warum koche ich immer zu viel Reis?
Warum kackt der Vogel nur auf frisch gewaschene Autos?
Warum regnet es immer, wenn die Fenster geputzt sind?
Warum mähen alle nacheinander Rasen, nie gleichzeitig?
Warum fällt immer das schöne Glas runter, nie das Senfkristall?
Warum ist die OWZ nur samstags interessant?
Warum hat man gutes Geschirr?
Warum wird Hundekot in eine Tüte verpackt und dann in die Umwelt geworfen?
Warum macht ein Burger nicht satt?
Warum beißt man sich immer zweimal auf die Backe?
Warum muss ich genau dann laut lachen, wenn es ganz leise ist?
Warum ist die richtige Schuhgröße immer ausverkauft?
Warum haben wir hundert TV-Programme, aber auf keinem kommt was?
Warum machen immer die anderen Schnäppchen?
Warum fällt das Mehl um?
Warum kommt meine Pizza zuletzt?
Warum schreien die Kinder erst Mama, nie Papa?
Warum schmeckt der Wein im Urlaub besser als Zuhause?
Warum wird man am Hintern gestochen?
Warum nimmt man schneller zu als ab?
Warum ist nach der Tiefkühlpizza der Gaumen verbrannt?
Warum ist die Tupperschublade immer unordentlich?
Warum habe ich so viel Tupper?
Warum gibt es Übergangsjacken?
Warum merke ich erst unter der Dusche das die Seife leer ist?
Warum ist der Gärtner immer der Mörder?
Warum bleibt immer eine Socke über?
Warum kommt spontaner Besuch immer dann, wenn nicht aufgeräumt ist?
Warum gibt es keine Kartoffelbrötchen mehr?
Warum weiß ich nicht, wo Timbuktu liegt, will aber alle dahin schicken?
Warum höre ich nicht auf zu essen, obwohl ich satt bin?
Warum nur so viele Fragen…. ich bin ratlos.

Eure KK

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14.08.2020: Die Vereinmeirei

Um ein integriertes Dorfmitglied zu sein oder zu werden, ist es meist ratsam, einem der hiesigen Vereine beizutreten. Es gibt für jeden und für alles eine Möglichkeit, schon in jungen Jahren ein richtiger Vereinsmeier zu werden.

Der frischgeborene Stahler fängt früh an mit der Vereinsmeierei. Schon kurz nach der Geburt geht es ab zur Krabbelgruppe. Ob in kleinen oder größeren Gruppen, offiziell oder im Privaten, gekrabbelt und gebrabbelt wird hier ordentlich. So manche Brabbelgruppe gibt es inzwischen auch ohne Kinder, denn diese sind aus dem Alter rausgewachsen, doch Mutter bleibt man schließlich immer.

Stufe zwei: Die Sportgruppe. Das klassische Dorfkind startet in jungen Jahren beim Mutter-Kind-Turnen. Hier wird nicht nur die Bewegung der Kleinsten gefördert und bestaunt, sondern auch die kommunikativen Fähigkeiten der Begleiter trainiert. Austausch ist immer wichtig. Nachdem die lieben Kleinen die erste FC-Erfahrungen gesammelt haben, geht es dann in die große Gruppe, ohne Mama. Meist für alle entspannter. Außer für die Leitung. An dieser Stelle möchte ich einmal die Erfindung des Klettverschlusses loben.

Einige entschließen sich für den Ballsport: das Minikicker-Fußball-Training. Nun kann der eine oder andere elterliche Wunsch gelebt werden. Die eigenen Erfolge aus früheren Tagen werden vom talentierten 3-4-Jährigen komplett in den Schatten gestellt. Mein persönlicher Wunsch in der VIP-Lounge mit Lachshäppchen eines bekannten Fußballvereins zu sitzen, ist leider vergönnt geblieben. Aber es lag bestimmt nicht an meiner Leistung am Spielfeldrand. Motiviert, engagiert und nach einer Niederlage deprimiert. Schade.

Ist Fußball nicht der passende Vereinssport oder besteht Lust auf mehr, kann er/sie beim Tischtennis Erfolge sammeln. Oder bei den Pfadfindern. Oder im Fischereiverein. Meist ist’s sogar möglich an allen Aktionen teilzunehmen; die Übungs-/Gruppenzeiten machen es möglich.

Fast vergessen: die musikalische Früherziehung. Auch ich schätzte meinen Sohn als musikalisch ein und schlurrte ihn von Musikschule zur Blockflöte bis hin zur Gitarre. Alle Instrumente inklusive Liederbücher verstauben inzwischen im Kinderzimmer. Bis er sich selbst ein Instrument aussuchen durfte: eine Trommel.
Unsere beiden Musikvereine in Stahle, die Blaskapelle und der Tambourcorps, sind ausdrücklich im Bereich der Jugendarbeit zu loben. Mit den Kindern werden Übungsstunden einzeln und in der Gemeinschaft durchgeführt, es werden Fahrten angeboten, Kartoffelbraten, Spiele-Nachmittage und vieles mehr. In diesen Vereinen finden sich häufig ganze Familien bis zum hohen Alter. Nachdem ich den Lagerfeuer-Gitarren-Traum aufgegeben habe und mein Kind begeistert trommelt, entspannt sich meist die Vereinshüpferei. Der ein oder andere ist bei den Messdienern unterwegs oder auch beim Kinderchor.

Zwischen 12 und 16 Jahren wird meist genauer geguckt, welches Talent sich wirklich zu fördern lohnt. Auch wenn ich meine, die Jugendfeuerwehr oder Judo wären genau das Richtige, wird sich schon aus pubertärem Protest dagegen entschieden. Manch einer guckt auch über den Tellerrand von Stahle hinaus und begibt sich in Vereine außerhalb des Ortes. Muss ja nicht verkehrt sein.

Bei den heranwachsenden Jugendlichen ist es eh schwer, mit einem interessanten Freizeitangeboten zu locken. Lichtscheu und durch ständiges Schlafdefizit gezeichnet, müssen jegliche Aktivitäten nicht zu anstrengend, nicht weit entfernt und – ganz wichtig – ohne Eltern sein. Jede Bemühung, dem Kind mit guten Ratschlägen zur Gestaltung der Freizeit zur Seite zu stehen, schlagen fehl. Ein Reifeprozess nicht nur für das Kind, sondern auch für den Erziehungsberechtigten. Wäre hier nicht der Verein mit Regelmäßigkeit und Ordnung, Routine und sozialen Kontakten – ich würde vermutlich verzweifeln.

Fast volljährig tritt der männliche Jugendliche in den Schützenverein ein. Jaaa, nur so wirst du ein richtiger Stahler Bursche. Ab jetzt wird die weiße Hosen mit Stolz getragen. Ojemine. Frauen dürfen mittlerweile auch eintreten, by the way.

Die Mädels halten sich innerorts beim Zumba oder anderen Sportgruppen fit. Reiten, Tanzen… meist weibliche Hobbys, wobei auch hier Jungs gerne gesehen werden. Richtig außergewöhnliche Sportarten werden zwar nicht angeboten, aber ich bin mir sicher, für jeden ist etwas dabei.

Mit der Zeit verändern oder verfestigen sich die Interessen für den Verein. Meist ist es schwierig in der Ausbildung, im Studium oder als junge Eltern dem Vereinsleben beizuwohnen. Oft bilden sich neue, kleinere Vereine wie Skatklub, Tippgemeinschaften, Kegeltruppen, Fanklubs – je nach Wunsch, Zeit und Bedarf.

Mann/Frau wächst im Vereinsleben. Eben noch F-Jugendspieler, heute Betreuer. Eben der Anfänger in der letzten Reihe, jetzt schon Übungsleiter. Ob als Kassenprüfer, Vorstand oder Beisitzer, jedes Mitglied ist für den heimischen Verein wichtig. Denn, was wäre unser Ort ohne Musik, ohne die katholische Frauengemeinschaft und die Seniorenturngruppe? Wenn Kolping keine Fahrten anbieten würde, der Kultur-Förderverein keinen Tanz-in-den-Mai, keine Aufräumaktionen durch die Dorfwerkstatt? Was, wenn unsere motivierten Rentner nicht hier und da Ortsverschönerungen vornehmen würden? Letztendlich lebt ein Dorf durch seine Vereine und seine Aktionen.

Danke an die vielen Vereinsmeier, ob aktiv oder passiv, ob vor oder hinter den Kulissen. Durch Engagement und immer neue Ideen wird unser Dorf lebenswert, und das in und für jedes Alter! Mitmachen lohnt sich. Ich bin gerne Vereinsmeier. 🙂

Wir sehen uns…

KK

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24.07.2020: Aller Abschied tut weh…

Ich werde mich trennen.

Ich hab‘s noch keinem gesagt, und ob dieser Weg der richtige ist, weiß ich nicht. Es kam plötzlich für uns beide. Oder hat es sich langsam entwickelt und ich wollte es nicht wahrnehmen? Jahrelang gingen wir Seite an Seite. Durch dick und dünn.

Es gab schwere Zeiten, aber auch viele glückliche Momente. Erinnerst du dich an die vielen schönen Abende? Du warst immer da, du hast mich lachen und weinen gesehen. Mit keinem anderen konnte ich auf dem Sofa lümmeln, Filme gucken, Süßes in mich reinstopfen. Du hast mich ausgehalten. Auch an Tagen, an denen ich mich sooo schlecht fühlte, an denen ich keinen sehen wollte. Du warst da.

Ich erinnere mich an unsere erste gemeinsame Zeit, wie jung wir waren, und was wir zusammen erlebt haben. Doch der Tag ist gekommen. Mühselig habe ich versucht, es zu übersehen, es zu ignorieren. Doch das Loch wurde immer größer. Es ließ sich nicht aufhalten. Sämtliche Versuche das Uns zu retten, schlugen fehl.

Ich gebe Corona die Schuld. Vielleicht ist dies alles nur wegen Corona gekommen. Dieses ständige Zusammenhängen, nicht aus dem Haus gehen. Zuviel Nähe?! Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, aber nun hat es ein Ende.

Schweren Herzens werde ich mich verabschieden. Es wird uns in diesem Format nie wieder geben. Auch nicht zum Streichen oder so. Es ist offiziell vorbei. So eine wie dich wird sich nicht wieder finden: deine Einfühlsamkeit, dein Stoff, deine Elastizität, anschmiegsam wie eine Katze.

Jetzt liegst du hier mit deinen Fehlern, Löchern und Flecken. Leider bist du untragbar geworden. Mit einer Träne im Auge verabschiede ich mich: Time to say goodbye, meine geliebte Schlabber-Wellness-Superstrech-Jogginghose, Größe 36-48.

Machs gut…

KK

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10.07.2020: Ein Prost auf das Beet

Dass regionale Produkte immer mehr an Beliebtheit gewinnen, ist nicht nur bei Aldi, Rewe und Co angekommen, sondern auch in den heimischen Gärten.

Da der Nutzgarten kaum noch zu finden ist, jedoch selbstgezogenes Gemüse am besten schmeckt, zieht das Hochbeet in den Garten ein. Nachdem die ungefähre Größe, das Material und der Stellplatz ausführlich besprochen wurden, geht es los. Selbstgebaut, gekauft, aus Restholz, Steinen oder aus Paletten, der Phantasie werden keine Grenzen gesetzt. Ist (in unserem Fall) die Holzkiste fertig, wird noch frische Farbe aufgetragen. Somit optisch schon mal ein Hingucker. Wichtig für Frau Gärtner.

Jetzt kommt der schwierigste Teil für den Beetbesitzer. Der richtige Standort. Egal was zuvor geplant war, welcher Platz hergerichtet wurde, es werden mindestens noch drei verschiedene Orte ausprobiert. Meist schleppt ER mit Freund/Nachbar/Sohn das Holzgebälk von A nach B, dann wieder nach A. Möglichkeit C wird kurz überdacht, aber aufgrund schwächelnder Arme nur begutachtet und abgelehnt.

Endlich an seinem, wahrscheinlich für die nächsten Jahrzehnte, bestehenden Standort, kommt nun der nächste schweißtreibende Akt. Das Befüllen. Wer glaubt dieses sei einfach nur vollzukippen mit dem Zeug von der Miste, der irrt. Nachdem Folie und Karnickeldraht als Innenauskleidung dienen, startet der aktive Füllvorgang. An schlauen Ratschlägen mangelt es nicht, auch nicht an Motivation: Wir befinden uns aber erst bei der untersten Schicht. Je nach Höhe und Breite des Hochbeetes muss die eine und die andere Schubkarre gefüllt und geleert werden (8 mal). Kräftezehrend schiebt und buckelt meist der Gatte Gestrüpp, Erde aus der Miste des Nachbarn, Pferdeäpfel… alles was die Umgebung so hergibt, zum (inzwischen) Tagesprojekt. (Kannste mal eben, ist nicht.)

Während ER sich im Anschluss sein Feierabendbier gönnt, kommt für SIE der schönste Moment: die schon vor Wochen gekauften Samen, Basilikum, Salbei, Thymian, Kohlrabi, Radieschen, Rosmarin… alles rein ins Beet. Jetzt wird mit Schrecken festgestellt: das Hochbeet ist viel zu klein. Es wird sich also erstmal auf das wesentliche konzentriert und die Gurken bleiben draußen. Schade. Aber nach der ersten Ernte (faustgroße Radieschen!) ist wieder Platz, und der wird sofort neu belegt. Alles Bio. Hurra.

Das Hochbeet erfüllt aber nicht nur den einen Zweck. Relativ schnell wurde festgestellt, dass auf der angenehmen Höhe perfekt eine Bierflasche abgestellt werden kann. Und wo sonst, wenn nicht hier, kann mit dem Nachbarn über Politik, das Tagesgeschehen und natürlich über Fußball gesprochen werden. Dass Pflanzen durch regelmäßige Ansprache besser gedeihen, ist vielleicht ein Irrglaube, aber versuchen kann Mann es ja… Also denn…

Prost auf das Beet.

KK

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14.06.2020: Freibadtypen

Auch wenn sich dieses Jahr die Freibad-Saison verzögert, findet man hier eine immer wiederkehrende männliche oder weibliche Person, die diese Freizeitanlage besucht. Da ich eher das Handtuch hüte, und trotz Hitze das Wasser ungern betrete, wiederholt sich für mich Jahr für Jahr ein fast identisches Muster der Freibad-Typen. Nachdem ich aufgestiegen bin vom Planschbecken zur Rutsche und schon fast wieder auf der coolen Seite liege, muss ich schweren Herzens zugeben, dass ich auch hier nicht mehr hingehöre. Kein Bikini, keine lässige Musik, kein Slang. Vielleicht doch eher auf die Holzbank, ich kann eh nicht mehr lange auf dem Handtuch liegen (Rücken). Aber von hier habe ich ein viel breiteres Beobachtungsfeld.

Es gibt sie nämlich, die verschiedenen Nutzer des kühlen Nass. Da ist zum einen

der sportliche Typ:
Er/Sie hat kein Gesicht, denn die Schwimmbrille und die Badekappe lassen kaum einen Blick darauf zu. Die Badehose ist knapp und eng anliegend, bei Ihr ist es ein Badeanzug ohne Bügel, Polster oder sonstigen auftreibenden Material. Er/Sie befindet sich nur kurz am Beckenrand, um dann mit einem gekonnten Köpper die mittlere Bahn für mindestens tausend Meter zu belegen. In einem Wechsel von Kraul zu Brust zu Rücken achtet er nicht auf Mitschwimmer und zieht sein Ding durch. Er/Sie gleitet professionell durchs Wasser und ehe man sich versieht, ist dieser auch schon unter der kalten Brause verschwunden.

Der Frühschwimmer:
Kann ich nicht viel zu sagen, habe ich selber noch nie geschafft. Früh aufstehen und dann auch noch schwimmen… brrr. Respekt.

Der Schmeißer:
Netter Typ, männlich, etwas untersetzt. Badehose etwas abgetragen, saß schon mal besser. Vater von mindestens zwei Kindern, nimmt aber gerne noch Freunde mit. Beschäftigt sich mit den Sprösslingen im Nichtschwimmerbecken. Wirft diese mit lauten Ausrufen (ich krieg dich) und aus jeder erdenklichen Position ins Wasser. Ist im Wasser ganz für seine Kinder da, nimmt sich aber gerne eine Auszeit am Kiosk, um ein Kaltgetränk zu sich zunehmen. Hat er sich verdient.

Der Ehrgeizige:
Schlanker Er, sportliche Marken-Badehose, natürlich mit Abzeichen. Selber jahrelang Triathlon-Events (Platzierung im hinteren Bereich) absolviert. Ist meist im Schwimmer zu finden, wo er seinen Sohn oder Tochter zu Höchstleistung anspornt. Durchziehen, noch eine Bahn, und jetzt rückwärts…Er versucht durch verschiedene Sprünge und Schwimmtechniken dem Sprössling den puren Spaß am Wasser zu zeigen- …oder zu nehmen, denn durch ständige Korrektur wird dem Kind leider die Lust genommen. Dieses blickt immer wieder traurig zur Rutsche und versucht durch vorgetäuschte Verletzungen dem harten Trainingsprogramm zu entkommen.

Der Gemütliche:
Sitzt selten am Beckenrand eher im Schatten auf Handtuch oder auf mitgebrachtem Camping-Stuhl, lässt sich Speisen mit Mayo und Ketchup bringen, Getränk in der selbst mitgebrachten Kühlbox. Beobachtet aus der Ferne die Aktivitäten des Kindes, und nur bei wirklich haarsträubenden Aktionen von diesem, wird mit einem Pfiff die Situation geklärt. Dann legt oder setzt er sich wieder ab. Er kommt meist mit Ehefrau und einer befreundeten Familie und ist schnell von hektischen Bewegungen sowie sich nähernden Bällen genervt. Die Badehose ist riesig und will (nach eigenen Aussagen) gefüllt werden (Haha). Bewegt er sich doch mal Richtung Fußballplatz, dauert es keine zehn Minuten und er ist nassgeschwitzt wieder zurück. Er hat gar nicht mitgespielt, aber so sein Interesse an den Kindern gezeigt.Tätowierung am Unterschenkel.

Der muskelbepackte Superheld:
Kaum im Wasser zu sehen, eher Randsteher. Viel zu kleine Badehose. Eng und rot. Fast wie durch ein Wunder gehen er und seine starken Arme im Wasser nicht unter. Er schafft es sich und seinen mit Öl getränktem Körper immer von der besten Seite zu zeigen und auf ihn zukommende Wassertropfen zuckt er einfach mit dem Brustmuskel weg. Hat meistens Freund dabei, der sich nach lauter Begrüßung und der dementsprechenden Handshake zu ihm gesellt. Seine Frau, nicht ganz so durchtrainiert, wird zum „Bahnen ziehen“ geschickt, während er auf sein bestes Stück achtet: seine Tochter. Dieser nickt er immer wieder zu, ohne dabei offensichtlich ihr Vater zu sein. Vielleicht geht ja noch was. Auf dem Weg zum Kiosk wird extra ein Umweg gemacht, um der Schwimmbadgesellschaft den kompletten stählernen Body zu zeigen. Definitiv tätowiert.

Die Wasserscheue:
Hier zähle ich mich zu. Schafft den Besuch auch ohne Kontakt zum Wasser. Wenn sie dann doch mal gezwungenen wird, in das Becken zu steigen, benötigt sie minimum zehn Minuten um einzutauchen. Sie hält sich gerne minutenlang an der Leiter fest, um ganz langsam den Kreislauf an die frostige Temperatur zu gewöhnen. Geschwommen wird natürlich mit Sonnenbrille und nach knapp drei Bahnen reicht es aus schon wieder. Der Kopf bleibt trocken, die Frisur sitzt. Sie hasst es nassgespritzt zu werden. Meist weiblich.

Der oder die Planscher:
Egal wie alt, es gibt sie immer und überall. Freudig erregt wird getaucht, gepaddelt und geplantscht. Können anstrengend werden, da sie durch kreative Formationen verschiedene Bahnen einnehmen. Es wird vom Rand, vom Startblock vorwärts, seitlich und als Bombe gesprungen. Lassen sich einfach nicht in eine Bahn zwängen. Sie haben wirklich Spaß. Lustig anzusehen wie das komplette Becken irritierend und kopfschüttelnd das Spektakel verfolgt. Badebekleidung praktisch, da rutscht nichts weg oder raus und wenn doch, ist es egal.

Die Konsequente:
Steigt ein, bleibt immer im gleichen Tempo und auf der gleichen Bahn. Gerne auch mit Gürtel unterwegs, randnah. Durch ihre jahrelang gefestigte Schwimmtätigkeit besitzt sie eine Art Wegerecht. Fremde Schwimmer werden kurz angeguckt und ignoriert. Die Bahn ist und bleibt der Dame sicher. Manchmal belächelt, aber ganz ehrlich, es ist wirklich anstrengend eine Stunde Wasser zu treten. Meist im Besitz einer Jahreskarte.

Die Kommunikativen:
Im Wasser zu zweit unterwegs, entweder als Verabredung oder als Zufallstreffer. Kollidieren manchmal mit der Konsequenten auf Bahn eins. Schwierige Situationen werden jedoch plappernd und geschickt umschwommen. Ziel ist das wirklich wichtige Gespräch mit dem/der Partner/in zu beenden. Belegen gerne zwei bis drei Bahnen. Was wiederum den Ehrgeizigen stört. Stört das Pärchen aber nicht. Zufrieden über das entleerte Wortsäckchen verlassen diese mit winkendem Händchen und einer Verabredung zum Kaffee das Freibad.

Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen sind natürlich rein zufällig. Also bitte nicht abtauchen. Ich stehe weiter auf der Leiter und bin wahrscheinlich das merkwürdigste Geschöpf in und am Wasser.

KK                                                                                                                                                                                                         ________________________________________________________________

29.05.2020: Pfingsten ohne Bretter

Komisch. Pfingsten kein Fest. Und dann auch noch so gutes Wetter. Zeit hätte ich. Doch dieses Jahr ist alles anders.

Ist die Woche vor Pfingsten sonst einer meiner Liebsten im Jahr. Ganz Stahle kratzt die Fugen frei, die Straße wird gefegt und geschmückt, die kleinen Kapellen werden mit schönem Blumenschmuck und neuen Kerzen bestückt. Selbst der Friedhof ist frisch bepflanzt. In dieser Woche durch den Ort zu gehen und die Vorfreude zu spüren, finde ich herrlich.

Selber bin ich auch ganz kribbelig. Es werden Treffen vereinbart, Verabredungen getroffen, der Essensplan für das Wochenende reduziert sich auf Calzone, Minipizza und Fischbrötchen. Lecker. Ich frage mich, was die Pfeile-werfen-Bude und der Autoscooter dieses Jahr ohne uns machen. Schließlich finanzieren allein meine Kinder mindestens den Sommerurlaub der Schausteller.

Auch mein Pfingst-Kleiderständer steht traurig und nackt im Keller. Diesen habe ich sonst die Jahre, auf Anraten einer Freundin (Danke B.), in der Woche vor Pfingsten angefangen zu bestücken. Für jeden Tag hänge ich ein Outfit hin, natürlich mit dem passenden Schuhwerk, Unterwäsche und sogar Strumpf oder Strumpfhose. Zu jedem A Outfit gibt es ein B Outfit. Sollte das Wetter oder mein Hormonstatus sich in A nicht wohlfühlen, kommt B zum Einsatz. Und natürlich ein Tag- und ein Abenddress. Diese Form von Vorbereitung begleitet mich jedes Jahr vor den Festtagen und durch sie ist Pfingsten sooo viel einfacher. Aufstehen, duschen, rein inne Klamotten und los. Natürlich werden alle Klamotten auf ihre Tanzbarkeit geprüft. Wer möchte schon mit einem zu kurzen Rock oder zu eng sitzenden Bluse auf der Tanzfläche gesehen werden.

Pfingsten ist auch gerne ein Ziel. Bis Pfingsten nehme ich fünf Kilo ab. Bis Pfingsten wird die Hecke geschnitten. Bis Pfingsten muss ich sparen. Bis Pfingsten brauchen wir noch 40 Eier. Dieses Jahr nicht. Die fünf Kilo lasse ich schön auf meinen Rippen, die Hecke wurde schon vor Wochen abrasiert, Eierbraten fällt aus. Weniger Stress, aber auch weniger Spaß. Irgendwie gesünder, aber auch langweilig. Irgendwie günstiger, aber auch trostloser.

Ach schade, mir fehlt das Fest jetzt schon. Und auch mein Kleiderständer. Vielleicht hole ich ihn doch hoch und schmücke ihn mit bunten Bändern. Ist ja schließlich Farbenspiel.

Schöne Pfingsten

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03.05.2020: Oh wie gut, dass niemand weiß, wie der Stahler richtig heißt

Fast jeder hat hier einen. Ob offiziell oder nicht. Einen Spitznamen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, in keinem Dorf wird es so gelebt wie in Stahle. Manche werden mit Stolz getragen, manche sind dem Inhaber gar nicht bekannt oder sollten lieber nicht in der Öffentlichkeit genannt werden. Manche haben eine Geschichte, manche sind spontan und frei erfunden, wieder andere fast vergessen. Kreativität oder einfach nur eine Erleichterung? Einige besitzen sogar mehrere Namen, um die Verwirrung zu vergrößern. Wieder andere haben einen so realen Zunamen, dass man den Richtigen gar nicht mehr kennt.

Mit der Zugabe eines besonderen Beinamens werden einzelne Personen oder ganze Familienstämme betitelt. Man erwirbt ihn aus verschiedenen  Gründen:

  • vererbt,
  • langjähriger Name der Familie,
  • Verniedlichung des eigenen Namens,
  • erworben durch Worte, Taten und Werke,
  • in Anlehnung an die Arbeit,
  • verschiedene Körperteile,
  • Obst oder Gemüsesorten,
  • Hobbies und Fußballidole,
  • Tiere (Ähnlichkeiten oder Liebhaber), Vogelarten,
  • Wohnort
  • und noch einige mehr.

Sollte nicht jedem einer einfallen, dann ist er wahrscheinlich nicht von hier. Teilweise ist der Ursprung nicht mehr bekannt, wenn doch, dann ist er oft sehr lustig. Besonders, wenn man im Gespräch außerdörfig mindestens drei Beinamen nennt und nur der Einheimische die wirklichen Menschen dahinter kennt. Meistens sind es Männer, die gerade mit neuen Namen betitelt werden. Ob diese einfach mehr Eigenschaften haben oder ganz uneitel den für sie erfundenen Namen annehmen? Frauen würden wahrscheinlich erst noch drüber nachdenken wollen, machen nochmal andere Vorschläge, finden ihn vielleicht zu anzüglich, sind beleidigt… viel zu anstrengend. Die Frauen behalten gerne den Mädchennamen als Zusatz oder den alten Stamm der Familie. Hier wird nicht gefragt: Wo kommste wech? sondern: Von wem biste? Von Struck‘s… ­bringt keinen weiter: von Antons. Ah, dann weiß doch ein jeder Bescheid! Die Aufschlüsselung der diversen Spitznamen ist oft schwierig und manchmal nicht mehr zu klären. Aber nur durch sie können viele Familien oder Geschichten erst verstanden werden.

Der Kreativität ist hier noch kein Ende gesetzt. Auch die Bezeichnungen im Ort und Drumherum sind nicht mehr jedem bekannt. Wer diese allerdings erfunden hat oder, ob diese schon immer Bestand haben, keine Ahnung. Die Nüssetwier kennt jeder, aber Kahle Büsche? Eispfähle, Grämsche Kuhle, Teufelsküche…? Vielleicht hätte ich in Heimatkunde unterrichtet werden sollen, denn dass es in Stahle ein Gefangenenlager gab, war mir ebenso wenig bekannt wie Potsderpe. Irgendwie spannend, oder?! Ich habe mir inzwischen eine Karte beschriftet mit allen Örtlichkeiten die es nur im Mündlichen gibt. Es wäre doch schade, wenn diese irgendwann verloren gehen.

Und so laufe ich durch Stahle und lerne fleißig die Namen von Menschen und Orten, um keinen und niemanden zu vergessen.

Liebe Grüße

KK
geb. Henjes vh. Mölders

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03.05.2020: To do or not to do

Ich liebe es, sie zu erstellen, sie zu verlängern oder zu erweitern. Zugeschnitten für jedes  Familienmitglied. Auf dem Zettel oder im Handy gespeichert, verschiedene Formate mit verschiedenen Prioritäten. Sie ist konstant, ohne Bewertung und austauschbar. Jeder hat seine eigene und manchmal haben wir eine gemeinsame. Der eine mag sie, der andere verflucht sie. Jeder kann, keiner muss.

Die To-do Liste. Eine Liste mit ständigen Aufgaben. Sie ist in meinem Kopf und versucht mich in jeder gammeligen Minute zu disziplinieren. Erst nach einer abgearbeiteten Liste erlaubt sich mein Körper und oder Geist eine Pause. Schulterklopfend darf ich dann Feierabend machen.

Vielleicht, denn häufig wartet schon eine Neue.

Es gibt sie in verschiedenen Versionen. Tagesliste, Wochenliste, Jahresliste. Liste für Kinder und Liste der unerfüllten Wünsche. Sie endet nie, daher gibt es keine Langeweile, eigentlich. Sie erneuert sich ständig, manchmal sogar stündlich. Sie passt sich an, wird größer und meistens länger. Oft auch teurer. Aber sie ist immer da. Gerne habe ich auch Listen für andere im Kopf. Auf kleinen Zetteln verteile ich sie in der Wohnung und hier warten sie auf einen Erlöser, der nicht kommt. Dann erledige ich sie eben selber. Eigene Selbstschuld. Ungeduldig betrachte ich das nicht gesaugte Zimmer, die unausgeräumte Spülmaschine.

Nachdem ich fertig bin, höre ich meist die Worte: ich hätte das schon noch gemacht, nur nicht jetzt. Aber ich brauche Abschlüsse, vielleicht will ich auch Mitleid. Die arme Frau, die alle Listen selber abarbeitet. Ich erwische mich stöhnend, wie gebeutelt bei der Durchführung einiger Aufgaben, als würde ich in den Krieg ziehen. Der Kampf gegen den Dreck. Nur ich kann ihn bezwingen. Ich schaff das schon, auch ohne Hilfe.

Ja, oft bemitleide ich mich dabei. Manchmal sogar so sehr, dass ich Tränen in den Augen habe, weil es mir so schlecht geht mit den ganzen Listen. Neidisch blicke ich dann auf entspannte Listenverachter. Die sogar ohne Einkaufsliste spontan in den Laden gehen. Einfach so. Und kaufen Sachen, die auf keiner Liste stehen. Richtig cool.

Allerdings gibt es für mich diesen einen kleinen Glücksmoment der fast unbezahlbar ist: eine der Aufgaben mit einem kleinen Haken versehen. Oder ganz verrückt, einen Punkt von der Liste zu streichen. Ob am Ende des Tages irgendwer Notiz von meiner abgearbeiteten Liste genommen hat? Eher nicht. Aber ich. Ich freue mich so, wenn sie vollendet sind.

Es gibt aber auch Tage, da lasse ich die Liste Liste sein. Ohne schlechtes Gewissen mache ich einfach nix. Also kann ich das auch, nur leider viel zu selten. Zur Strafe gibt es morgen eine neue viiiel längere Liste. Mit bösen Sachen drauf, wie Frühsport, Einkaufen, Rumpelkammer aufräumen. Ist mir heute aber egal. Ich hab heute Sonntag und mache einen dicken freundlichen Haken dahinter.

Schönes Wochenende
KK

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24.04.2020: Ist da jemand? (Adel Tawil)

Woche sechs

Montag
Alles fängt von vorne an. Fenster putzen, durchwischen, Ecken aufräumen, neue Hausaufgaben. Wie naiv ich war, und dachte am 20. April läuft die Welt wieder ganz normal. Schule, Einkaufen, Freunde treffen… Pustekuchen. Es werden die Maßnahmen nur gelockert. Mist. Anständig bleibt der deutsche Bürger auf Abstand. Nur mit der Familie. Ohne andere Kontakte. Wir bleiben häuslich. Punkt. Keine Bewertung. Vielleicht eine Träne – oder zwei.

Dienstag
Oma hat schon immer gesagt: Bis zum 1. Mai ist der Kiekenstein grün. Sie hat recht. Es ist April und bis auf einige wenige braune Flecken grünt und blüht es überall. Sehr schön. Auch in unserem Garten gibt es neue Mitbewohner. Da die diversen Vogelhäuser keinen Einzug von Meise, Spatz und Co. erleben durften (Neubau vielleicht zu schick?), wird emsig an Insektenhotels gearbeitet. Ich mag Tiere. Im Fernsehen oder auch auf Bildern. Aber in meiner direkten Nähe? Holzklötze mit Löchern in Formation des Lieblingsfußballvereins anzubringen, direkt über meinem Kopf? Für mich optisch kein Hingucker und ein emotionaler Stresstest. Ich werde belächelt. Die Tiere scheinen meine bessere Hälfte zu unterstützen. Sie besuchen das neue Quartier fleißig und von der Abstandsregelung scheinen die nichts gehört zu haben. Es bilden sich fast Schlangen vor dem Buchstaben F und C. Frechheit.

Mittwoch
Heute bin ich sauer. Ungenießbar. Ich finde alles unfair. Alles. Das die Strecke von Höxter nach Stahle gesperrt ist, zum Beispiel. Und das die Lüchtringer eher grün kriegen. Ich habe noch nicht die Zeit gestoppt, bin mir aber sicher, dass die auch länger grün haben. Das ist doch wirklich unfair. Ich soll außerdem die Matheaufgaben meines Sohnes kontrollieren. Hallo, ich habe keine Ahnung was Potenzrechnung ist. Potenz berechnen, ja gut aber nicht in Mathe. Und dann auch noch im Minusbereich. Geht das überhaupt negative Potenz? Uuuaahhhh. Hoffentlich geht der Tag schnell rum. Auch der Spiegel zeigt mit unfaire Falten. Jetzt werde ich auch noch alt. Und wer ist schuld? Alle. Ab ins Bett mit Antifalten Maske und einer wütenden Potenz.

Donnerstag
Ich habe mich beruhigt. Abreagiert beim Bügeln und Betten beziehen. Ab nächste Woche sollen Mundschütze (ist das wirklich die Mehrzahl?) beim Einkaufen getragen werden. Fleißig wird aus noch vorhandenen Stoffresten und Schlüpfergummi mit der heimischen Nähmaschine genäht. Anleitungen für verschiedene Modelle gibt es im Netz. Irgendwie komisch Menschen mit Mundschutz zu sehen. Da der komplette untere Gesichtsbereich verdeckt ist, sind auch Emotionen kaum sichtbar. Ich stülpe mir meine Maske über und übe. Augenlächeln, Augenwut, Augenerstaunung. Ich mag neue Wörter. Vielleicht nähe ich mir aber auch Emotionsmasken. Eine die lacht, eine mit Kussmund, eine die schreit. Je nach Tagesform tragbar.

Freitag
Wochenende. Mir egal. Mit der Potenz bin ich/ wir nicht weitergekommen. Mir egal. Die Fenster sind schon wieder gelb. Mir egal. Der Mundschutz trägt heute Gleichgültigkeit.

Samstag
Bekomme Post von lieben Freunden. Das macht mich glücklich. Vielleicht zoomen wir heute nochmal. Über verschiedene Anbieter können wir gemeinsam sprechen und uns sogar sehen. Ich bin schon ganz aufgeregt und überlege was ich anziehen soll. Lege eine Flasche Wein kalt und warte auf den Host. Da höre ich schon die erste Stimme:“ Ist da jemand, ist da jemand? „Ich klatsche vor Freude. Ich bin nicht allein. Jemand ist da.

Sonntag
Also im Umkreis von zehn Kilometer haben wir bald alle Wanderwege besucht. Kiekenstein, Köterberg, Hasselbachtal…Die Twierquelle hatte ich mir allerdings idyllischer vorgestellt. Keine plätschernde Quelle aus dem Berg mit Schmetterlinge und unberührter Natur, nee, sehr unspektakulär. Das hatte ich anders in Erinnerung. Schade. Mit der Weserbergland App (kann ich nur empfehlen) planen wir weitere Routen. Es scheint ja doch noch länger zu gehen. Sehr schade.

Liebe Grüße
KK

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19.04.2020: Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren (K. Lagerfeld)

Woche 5
Pfpfpfpf

Montag
Unglaublich, wirklich schon die fünfte Woche? Ich verliere mich in Raum und Zeit. Fühlt sich nicht jeder Tag wie ein Montag an? Oder Mittwoch? Wo sind wir? Es sind offiziell Ferien, ich habe Urlaub und fahre nicht weg. Bäh, geplant wie bei so vielen, war eine nette Woche an der See. Nun gut, dann eben nicht. Zeit um den Garten urlaubsreif herzurichten. Schwimmteich? Trampolin? Vielleicht reicht ein gefegter Sitzplatz. Ich werde faul, gemütlich und antriebsarm. Was macht Corona aus mir? Die figurfreundliche Jogginghose ist sogar was für warme Tage, tolles Teil.

Dienstag
Habe ein neues Talent in mir entdeckt. In mich Reinschreien. Richtig laut. Mit Ader am Hals. Und keiner hört es. Dabei freundlich lächeln. Das ist mal ein Talent. Inzwischen bin ich in die Profiliga aufgestiegen. Es gibt verschiedene Stufen, manchmal schwierig zu differenzieren:

Stufe 1:
Kurzer Reinschrei
Spülmaschine nicht ein- und ausgeräumt
Socken vorm Sofa
Ampelhuper
Rotze (gehört in verschiedenem Zustand /Akustiklaut auch gerne in eine andere Gruppe)
Stufe 2:
Langer Reinschrei
Nicht grün werdende Ampel (ohne Gegenverkehr)
Schmutzige Schuhe im frischgewischten Wohnraum
Vorm Haus rausgeworfen werden / Mensch Ärger dich nicht
(ja leider Stufe zwei, ich kann einfach nicht verlieren)
Parkplatzklauer
Stufe 3:
Anhaltender langer Reinschrei (mit Zittern)
Hundekot unterm Schuh
Einkaufen ohne EC-Karte, erst an der Kasse merken
Schokoladenraub
Pubertiere
Nicht endendes Kontaktverbot

Die Liste wird fast täglich erneuert, erweitert und einige Punkte auch mal hoch oder runter geschoben. Je nach Tagesform und Hormonstatus.

Mittwoch
Andere werden Langstreckenläufer ich anscheinend Langstreckensäufer. Setze mich selbst auf Pause. Ich mag auch Wasser. Gerne sogar. Versuche den Tag durch das erste Radiolied positiv zu gestalten:
No milk today ist doof
When will I see you again
auch nächster Sender
Sweet but Psycho
Ja los. Motto für heute.

Donnerstag
Einkaufen wird zum Erlebnis. Fremde Menschen, also völlig fremd, fangen Gespräche an, suchen Nähe, trotz Einkaufswagen. Einstieg über die Suche nach Honig. Kleiner Witz noch über Klopapier und weiter geht es. Ohne Honig aber mit einem kurzen außerhäusigem Gespräch. Und, weil die Gattin ruft. Jeder sehnt sich nach Fremdkontakt, Unterhaltung, Kommunikation. Finde mich todesmutig, weil ich drei Schritte ohne Einkaufswagen gehe, einfach so in den Gang hinein. Ernte böse Blicke, schnell zurück. Ansonsten eigentlich entspannte Stimmung im Laden. Vielleicht auch, weil der Einkaufwagen zwischen uns steht, am Kassenband nicht gedrängelt wird und der Respekt für die Verkäufer an der Kasse gewachsen ist. Ich möchte fast behaupten, dass es mir Spaß macht, so einzukaufen.

Freitag
Mal richtig runterfahren. Sachen machen, zu denen ich sonst keine Zeit habe. Lesen, aufräumen, sortieren. Fühle mich geerdet. Aber es reicht. Suche Ausreden, um andere Menschen zu treffen. Es tut so gut eine Freundin zu treffen. Quatschen, über sinnlose Sachen wie Rezepte, Gewicht, Schuhe, Serien. Fühlt sich verboten an, obwohl wir uns nicht nahekommen. Zu zweit ist ja erlaubt…

Samstag
Shopping time im virtuellen Raum. Einige Läden in unserer Nachbarschaft bieten Online-Shops an. Blumen, Kosmetik, Klamotten – geht alles. Ich fülle den Warenkorb voll, um ihn am Ende des Abends zu löschen. Verliere mich auf verschiedenen Portalen, bin am Ende – wie immer – auf Pinterest gelandet. Projekt für nächste Woche gesucht. Bummeln im Netz ist für mich nix. Ich investiere in gutes Essen und nicht in Frühjahrsmode. Lieferservice ist suuuper!

Sonntag
Aufstehen
Frühstück
Rumlümmeln
Mittagessen
Spaziergang
Kaffee und Kuchen
Ablegen
Tatort
Der Sonntag hat sich nicht verändert. Nur die Anzahl der Menschen mit denen ich verkehre. Sonst sind wir viele; jetzt sind und bleiben es Vier. Bis mittags nur drei, dann vier, ab neun wieder drei. Egal, auf in die letzte Corona-Woche.

Heute bin ich Optimist.

KK

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11.04.2020: Frohe Ostern

Zu Ostern habe ich mir für etwas Besonderes ausgedacht.
Mitsingen erlaubt. Gerne laut und wem es zu lang wird,
einfach aufhören. 🙂

Kleines Lied der Hoffnung 
(Melodie: Kleines Senfkorn Hoffnung /
instumental auf  YouTube – am besten in neuem Tap öffnen)

Durch die schweren Zeiten
hilft auch mal ein Lied.
Soll euch kurz begleiten,
wird bestimmt kein Hit.

Wird vielleicht ein Ohrwurm,
der die Runde macht.
Vielleicht wird beim einen
oder ander’n auch gelacht.

Traurige Gesichter, weil Kontaktverbot,
Oma kommt auch nicht her.
Ach Mensch welche Not.
Schade ist es wirklich,
dass wir uns nicht sehen.
Doch für die Gesundheit
muss es einfach gehen.

Lecker Schokolade,
die mich glücklich macht,
ess‘ immer die Ganze,
bis das Bäuchlein lacht.

Bis ich spür die Rolle,
die die Luft mir nimmt.
Denke dann an alle, alle,
die auch so glücklich sind.

Fehlen uns die Freunde,
die so wichtig sind.
Und auch alle Plätze,
wo fröhlich ist das Kind.
Wo wir sonst gemeinsam
tanzen, lachen, spielen.
Doch hier ist´s nun einsam einsam –
so hilft man den Vielen.

Im Baumarkt ist was los.
Jetzt wird renoviert.
Häuschen ist ja sehr groß.
Sie ist motiviert.
Seine Frau hat viele komische Ideen,
denkt der Mann im Stillen Stillen:
Lasst mich doch zur Arbeit geh‘n.

Kinder die nur zocken –
mir ist´s bald egal –
die nur drinnen hocken.
Ist das noch legal?
Brauchen Animationen.
Doch das ist mir zu viel.
Wie kann es sich lohnen, lohnen?
Alles aufgeräumt, ist das Ziel.

Fenster sind nun sauber.
Garten auch parat.
Kommt noch etwas Staub her,
ich steh schon auf Start.
Putze wie ne Irre
hin und her im Haus.
Werde langsam kirre kirre,
wann komm ich hier raus?

Jetzt heißt es durchhalten
bis wir das geschafft.
Bleiben wir die Alten?
Ich hab es nun gerafft.
Werde ruhig und besonnen,
bleiben hier im Haus.
Corona hat nicht gewonnen,
bald geht’s wieder raus.

Und fehlt auch sehr das Leder
– wird doch gern gesehen.
Kann man dafür sonntags
auf den Sportplatz gehen.
Erste, zweite, dritte,
wer spielt, ist egal…
Der Ball geht durch die Mitte, Mitte
Spaß macht´s auf jeden Fall.

Bis wir endlich wieder
leben wie zuvor
blüht bestimmt der Flieder.
Stellt euch das mal vor!
Freut euch auf die Menschen,
die da draußen sind.
Haben jetzt lange Haare, Haare –
lange nicht getrimmt.

Ansatz ist jetzt modern,
Grau das neue Blond.
Frisör ist noch sehr fern,
Stylen nun gekonnt.
Hoffe, dass wir uns später
erkennen dann sofort
ohne die 1,5 Meter, Meter
in unserem schönen Ort.

Kleine Gläschen Hoffnung
randvoll eingeschenkt.
Leere ich nur einmal,
weil der Hals mir brennt.
Gibt jetzt nur noch Wasser
und das tut mir gut,
denn nur mit klarem Sinne
schöpf ich neuen Mut.

Schreibe ich hier Texte,
weil‘s mir Freude macht.
Wünsche ich uns allen,
dass ihr mit mir lacht,
dass ihr mir gesund bleibt,
bis zu nächsten Mal.
Fröhlich euch die Zeit vertreibt,
das wär doch genial.

Dorf, das zusammenhält
(Melodie: Brot, das die Hoffnung nährt /
instumental auf  YouTube – am besten in neuem Tap öffnen)

Dorf, das zusammenhält.
Ort, der die Stunden zählt.
Land, in dem die Zeit stillsteht.
It‘s Corona Time.

Mann, der in Obi geht,
weil das Material ihm fehlt.
Haus wird auf links gedreht.
It´s Corona Time.

Frau, die die Fenster putzt.
Wohnung wird jetzt viel genutzt,
weil wir zuhause sind.
It´s Corona Time.

Kind, das ganz traurig ist,
da es seinen Freund vermisst
und nun alleine spielt.
It´s Corona Time.

Mutter, die mit Kindern lernt,
Schule ist noch weit entfernt,
in Mathe dann zusammenbricht.
It´s Corona Time.

Mensch, der viel laufen geht.
Keiner, der nur so rumsteht.
Gruppen, die es nicht mehr gibt.
It´s Corona Time.

Frohe Ostern!!!

Lasst es Euch gutgehen und vielleicht/hoffentlich ist die nächste auch schon die letzte Woche in Coronatime. Bleibt dran, wenn ich nächsten Sonntag wieder meinen Wochenbericht online stelle.

KK, 11.04.2020

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05.04.2020: Leider kein Scherz

Woche 3
Tendenz steigend

Montag
Ich habe mir was überlegt. Ich werde nicht nur mental gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen, sondern auch körperlich eine Veränderung erleben: schlank und schön.

Obst und Gemüse gibt es (noch) genug und auch dem Rest der Familie fehlen offensichtlich Vitamine. Ab morgen also Low carb, Brokkoli, Spinat und Bananen. Vielleicht noch Fisch.

Weiter zum Schön: beim Aufräumen meiner Pröbchen-Kiste (die hat doch jeder, oder?) verteile ich unterschiedliche Anti-Age-Creme, straffende Lotion und irgendwas in Französisch an verschiedenen Stellen auf meinem Körper. Um die für mich perfekte, straffende Creme zu finden, notiere ich mir auf der jeweiligen Packung den hoffentlich erfolgreichen Wirkungsort. Gehe optimistisch (hungrig) und strahlend schön in den Tag.

Dienstag
Mit dem Schön wird es nix. Ausschlag an diversen Körperstellen aufgrund Creme 3 und 4. Mist. Hätte auf das Verfallsdatum achten sollen. Und auf den Bräunungseffekt. Mein Oberarm sieht aus wie eine Karte mit vielen Höhen und Tiefen. Richtung Elle befindet sich eine sehr unruhige Landschaft die mit juckenden aufgekratzten Bächen. Na gut, dann also nur schlank. Schokolade wurde gestern Abend noch vernichtet. Kochplan steht. Traurige Gesichter beim Mittag interessieren mich nicht die Bohne. Apropos, Schnippelbohneneintopf steht morgen auf dem Plan (dieser ist aber von Muttern).

Mittwoch
WARUM RUFT EIGENTLICH KEINER APRIL? APRIL???

Donnerstag
Gähn, viertes Buch. Zuviel Glück und Romantik. Brauche was Flottes mit Action. Lieber in Echt, nicht nur im Buch. Gerne wäre ich wieder frei. Ich will mein Leben zurück (geschrien nicht geschrieben)! Habe Sodbrennen vom Eierlikör.

Freitag
Mache mir Gedanken um Einsamkeit. Haben wir irgendwen vergessen. Sitzt einer schon verwahrlost und hungrig in seinem Zimmerchen und keiner merkt es?? Oh ja, da war doch noch wer… hinten im Kinderzimmer. Neue Hygieneregel aufgestellt: täglich duschen.

Samstag
Mit dem Schlank wird es auch nix. Mein Geist ist schwach und blendet sämtliche Vorsätze aus. Ohne es zu merken habe ich diverse Kalorien intus. Ohne Kauen. Schokolade belohnt mich und mein Durchhalten beim Kontaktverbot. Dafür betreibe ich Sport. Ich sehe viele Jogger und Walker. Bin inzwischen so weit, die Personen an ihrem Laufstil zu erkennen. Gut so. Raus aus der Bude, an der frischen Luft kochen die Gemüter auch nicht so schnell hoch.

Mein Highlight des Tages besteht aus Bares für Rares. Hier wird keiner übers Ohr gehauen, mit Respekt behandelt und bekommt für Gedöns sogar noch Geld. Heile Welt.

Sonntag
Nächste Woche ist Ostern. Ich summe Kirchenlieder, ja Gott, auch du fehlst mir. Es wird regelmäßig an der Kapelle geläutet, das beruhigt mich. Danke Petra, für deinen Einsatz. Reli-Hausaufgabe war es, ein religiöses Zitat zu erfinden: Jesus, du bist mein Gewand, aber warum ist mir kalt? Zeit darüber nachzudenken.

Zu Ostern lege ich mich für euch richtig ins Zeug: Kein Tagebuch, dafür werde ich reimen. Lasst euch überraschen, bis nächste Woche.

KK

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29.03.2020: Sind Pandemie und Bulimie verwandt?

Woche 2
plus minus null

Montag
Ich bin motiviert. Aktionismus gegen Pessimismus. Starte mit Kind zum Frühsport, auch damit dieses seinen Bewegungsplan in Sport ausgefüllt bekommt. Anschließend werden Fenster geputzt – in ganz Stahle blitzen die Fenster nur so…! Es wird durchgewischt, gesaugt, gewaschen und gebügelt. Ich kann mich fast nicht bremsen… Kurz durch den Garten, gehackt, gefegt und Pläne geschmiedet. Sollte ich heute noch die Steuererklärung schaffen, werd ich verrückt. Heute ist mein Tag. Ich klatsche für mich und meine Leistung. Corona kann mich mal.

Dienstag
Morgendlicher Check-up. Gliederschmerzen. Hat es mich etwa erwischt? Müde und kaputt schleppe ich mich zum Fieberthermometer, kein Fieber. Ich denke, die übermotivierte Person von gestern hat mir das eingebrockt. Vielen Dank. Trotzdem fühlt es sich heute schlecht an. Ich fühle mich schlecht an. Mir fehlt Gesellschaft. Obwohl ich arbeite und dort noch Kontakte habe, fehlen mir meine Leute. Es hat mich erwischt. Nicht viral sondern mental.

Mittwoch
Einkaufen. Ab jetzt nur noch mit Wagen. Schutzabstand oder Verkaufsstrategie? Ich wollte nur Schokolade, rammel aber den ganzen Wagen voll. Viel Schokolade und Rum. Heute gibt’s Eierlikör. Der hebt die Stimmung und lässt mich schneller einschlafen. Ich will heute nix hören von Krise und Infektionen. Nehme mir mein Buch, lese und schlürfe aus Omas Likörgläsern. Schlabber mich voll. Egal, endlich was zu waschen.

Donnerstag
Keine Krankheitssymptome, etwas Kopfschmerzen, am ehesten vom Likör?. Ich gucke irgendwelche schnulzigen Serien in denen am Ende alle, ja alle glücklich sind. Wird die Kontaktsperre schon normal? Es ist für mich seltsam, dass sich Menschen im Film in Gruppen treffen und sich, ja Achtung, festhalten, sogar umarmen – unglaublich. Wir warten weiter auf die „Welle“.

Freitag
Die ganze Jammerei bringt nix. Alle machen mit und das ist gut so. Es wird auch wieder anders, ganz bestimmt. In Gedanken male ich mir die verschieden Szenarien aus, in denen ich zum Frisör gehe, andere Menschen treffe, auf einer Party verrückt tanze, sinnlos Sachen trinke, deren Namen ich nicht aussprechen kann. Hört sich komisch an, mach ich aber, in genau der Reihenfolge. Denke über die Gestaltung von Fotobüchern nach. 3034 Bilder warten darauf. Und dann bin ich mit allem fertig. Kannst du mich hören Corona, dann bin ich mit allem fertig. MIT ALLEM: Auch mit Dir!

Samstag
Gardinen gewaschen. Tanken gefahren für sieben Euro. Ich habe nix mehr zu erzählen. Gucke Kinder und Mann nur noch schweigend an. Ja, selbst mir fehlen die Worte. Suche lustige Reime auf Corona. Überlege ob Pandemie was mit Bulimie zu tun hat. Ich find es auf alle Fälle zum Kotzen.

Sonntag
Nicht nur ich muss das hier aushalten, der Rest muss mich auch aushalten. Inzwischen empfinde ich Mitleid für meine nächsten Angehörigen. Die ungefähr hundert Videos über lustige Isolierte und Quarantäne-Strategien erhellen meinen Alltag und nerven mich gleichzeitig. Wer in aller Welt denkt sich den ganzen Quatsch aus?!

Das Wetter ist heute leider schlechter. Es schneit. Unglaublich. Den Schlitten wachsen hatte ich noch nicht auf meiner To-do-Liste. Wir bleiben daheim und versuchen uns gegenseitig auszuhalten. Toi toi toi. Gesellschaftsspiele vs. Lagerkoller. In diesem Sinne: Mau Mau und Rommee Hand, durchhalten und gesund bleiben, bis nächste Woche.

KK

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22.03.2020: Zwischen Hysterie und Händedesinfektion… oder, wer hat das Klopapier geklaut?

Komische Tage sind das. Ich dachte, der nächste Blog geht über die wunderschön fließende Twier, Damm bauen und einen richtigen Klitschen kriegen – aber auch hier hat sich der Virus eingeschlichen.

Langsam aber sicher hat er uns erreicht. Mit voller Wucht trifft er jeden. Ob Home office, keine Schule, Betriebsschließung oder soziale Isolation; jeder kann etwas erzählen.

Woche 1
plus 2 Kilo

Montag 22.03.2020: Zwischen Hysterie und Händedesinfektion… oder, wer hat das Klopapier geklaut?
Komische Stimmung überall. Jeder redet drüber. Was letzte Woche noch belächelt wurde, ist jetzt ernst. Hustende und niesende Menschen werden gemieden. Corona ist überall. Außer in der Schule, die hat nämlich geschlossen. Die Kinder finden die verfrühten Ferien noch lustig. Die Eltern versuchen sich zu organisieren, nicht über Oma und Opa, das ist verboten. Nur wohin?

Dienstag
Es fängt alles an zu wackeln. Die Börse, das Gesundheitssystem und auch die Stimmung. Ich kaufe Mehl. Wofür weiß ich noch nicht. Alle kaufen Mehl. Und Schnöker. Sollte das alle sein, haben wir wirklich ein Problem. Auch die Arbeit verändert sich. Ich komme zurück auf meine alte Stelle. Hier werde ich jetzt dringender gebraucht. Fühlt sich an wie an der Front. Noch ist alles ruhig. Die ersten Fälle werden bekannt und sind sogar Bekannte. Woanders verändern sich die Betriebe auch. Home office und Kurzarbeit sind wohl die meistgesagten Worte nach Corona und Klopapier. Hausaufgaben sind per E-Mail eingetroffen. Lange Gesichter. Abgabetermin am Freitag. Also ran. Wir Eltern werden Teilzeit-Lehrer.

Mittwoch
Ob ich auch nochmal Klopapier kaufe? Ich trau mich nicht. In Frankreich stehen Rotwein und Kondome an erster Stelle. Bei uns in Deutschland Klopapier und Mehl. Den Kindern wird das Treffen und der Umgang mit anderen Kindern verboten. Es schmerzt, vor allem weil wir jetzt nicht nur als Lehrer und Mentor, sondern auch Motivator, Animateur und Sporttrainer fungieren müssen.

Donnerstag
Es kommt schlimmer. Schokolade ist alle. Mehr kaufen bringt nix. Wir essen bei vollen Kühlschränken auch mehr. Vier Stunden Hausaufgaben-Begleitung. Überlege, ob ich mich mit Sie ansprechen lasse. Nur wegen des Respekts. Der sinkt. Mit jeder Matheaufgabe, Grammatikfrage und Geschichte (konnte ich noch nie). Heimlich google ich Konsonant, Primzahlen, Quersumme, Gremien der BRD. Es ist einfach zu lange her.

Freitag
Fühlt sich nicht an wie Freitag. Versuche durch Struktur den Alltag in den Griff zu bekommen. Klappt nicht. Da erst mittags gefrühstückt wird, verschiebt sich alles nach hinten. Die Playstation ist Gewinner bei allen Vorschlägen. Gutes WLan ist ein Muss. Dafür wird die Wäsche weniger. Kein Ausgang, kein Sport, keine Feier… traurig alleingelassene Socken tümmeln sich mit ein paar Unterhosen im Wäschesack. Lohnt nicht. Spare immens an Waschpulver. Und, an Sprit: keine Taxifahrten, keine Shoppingtouren.

Samstag
Die Stimmung sinkt. Erwische mich selber in der Trainingshose von gestern. Mein Handy zeigt, dass sich die wöchentliche Nutzung mehr als verdoppelt hat. Ja, selten habe ich mit so vielen geschrieben, nachgelesen und telefoniert wie in der letzten Woche. Vielleicht mit sechzehn, wo telefonieren noch was kostete… Aber vielleicht kommt „Briefe schreiben“ ja zurück. Überträgt sich der Virus auf Briefpapier? Ich klatsche heute für unseren Briefträger und für den Schlachter. Was wären wir nur samstags ohne Mett.

Sonntag
Immer noch Wochenende. Ich backe. Ich hasse backen. Soweit ist es gekommen. Ah, aber dafür brauche ich auch das Mehl. Ich rede teilweise mit mir selber. Mache Witze über mich und mein Outfit. Aber keiner lacht. Ich brauche soziale Kontakte. Mann und Kinder lasten mich nicht aus. Immerhin ist das Wetter schön. Jetzt tagelanger Regen, nicht auszudenken. Heute wollen wir, natürlich nur mit der kleinen Familie, eine Wanderung unternehmen. Lange Gesichter. Na bravo, Motivator kann ich wohl von meiner Berufsliste streichen.

Ich hoffe, der Spuk ist bald vorbei. Ich befürchte aber, dass der 19. April (was auch immer da ist), nicht das Ende der Pandemie ist. Aber wir brauchen ein Ziel. Für heute ist es der Kiekenstein. Allein.

Bleibt gesund!

Bis nächsten Sonntag,
KK

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17.02.2020: In einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt…

Ich kann gerne versuchen, die passende Überschrift zu finden, aber vielleicht schreibe ich sie auch mal unter den Text – um die Spannung zu halten. Dann müsste der Textanfang gleich einschlagen und fesseln. Nicht so einfach.

Wer sich hier auf diese Seite verirrt, ist hoffentlich interessiert am Dorfleben und an den Stahlern an sich. Aber auch an meinem Text???

Vielleicht starte ich mit prägnanten Schlagwörtern wie Orgel, Grundschule oder Hundekot. Das sind wahrscheinlich die meist diskutierten Themen der letzten Jahre in Stahle. Darüber will ich aber gar nicht schreiben! Lieber über Alltägliches, vielleicht einfach über langweiliges Geschehen im kleinen Dorf Stahle – oder aus meiner kleinen Welt.

Und, ob der von mir verfasste Text zum derzeitigen Geschehen passt, kann ich versuchen, wird aber nicht klappen. Oft sind es bekanntlich die Dinge, die das Fass zum Überlaufen bringen, die einen plötzlich irgendwie tangieren oder Sachen, die einfach untergehen, die aber Aufmerksamkeit verdienen.

Natürlich sind die hier beschriebenen Personen frei erfunden. In jedem Ort gibt es schließlich viele verschiedene Menschen, ohne die unser Dorfleben um einiges trauriger wäre. Nicht so bunt und vielfältig – und auf Schützenfest auch mal feucht fröhlich unterwegs. Wobei vom Fest hier nix aufgeschrieben und/oder schriftlich fixiert wird. Was auf dem Fest passiert, bleibt auf dem Fest. War das nicht so???

Vielleicht erkennt sich der ein oder andere in der ein oder anderen Geschichte wieder. Es soll keine Kritikseite werden. Eher ein amüsierender Zeitvertreib, ein Kurztrip in meinen (manchmal) verdrehten Lieblingsort.

In diesem Sinne, weiterlesen und lächeln…

Bis zu nächsten Mal,
KK

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